
In diesen Wochen denkt so mancher Eintracht-Fan an das Jahr 1993 zurück. Damals, vor rund 21 Jahren, entstand der Begriff „Fussball 2000“. Ex-Trainer Klaus Toppmöller (73) und seine legendäre Mannschaft aus Spielern wie Anthony Yeboah (58), Jay-Jay Okocha (51) und Maurizio Gaudino (57) begeisterten mit spektakulärem Fußball die Liga und sorgten dafür, dass die Eintracht eine der besten Saisons ihrer Vereinsgeschichte spielte. Okocha setzte sich ein Denkmal mit seinem Tor gegen Oliver Kahn (55/damals Karlsruhe), Yeboah überzeugte mit seiner Treffsicherheit (18 Tore). Zwischenzeitlich war die Eintracht Bayern-Jäger Nummer eins, am Ende reichte es nur für Platz fünf.
Heute steht nicht mehr Klaus, sondern sein Sohn Dino Toppmöller (44) an der Frankfurter Seitenlinie. Auch wenn die deutliche Pokal-Pleite in Leipzig (0:3) und das 2:2 gegen Augsburg die Euphorie etwas dämpfte, begeistern die Hessen in der Hinrunde die Liga. Wieder sind sie Bayern-Jäger – wie 1993. Diesmal mit den flinken Stürmern Omar Marmoush (25) und Hugo Ekitiké (22) sowie Weltmeister Mario Götze (32). SPORT BILD erklärt die Überraschungsmannschaft der bisherigen Saison.
Nagelsmann-Fußball
Toppmöller verfolgt einen aggressiven, taktischen Ansatz. Das heißt unter anderem: weit aufrückende Außenverteidiger, wodurch in der Defensive Räume entstehen. Überraschend ist das nicht. Denn nach seiner Zeit in Belgien (RE Virton) und Luxemburg (F91 Düdelingen) hat er zwischen 2020 und 2023 fast drei Jahre als Assistent unter Bundestrainer Julian Nagelsmann (37) bei Leipzig und den Bayern gearbeitet.
Constantin Eckner, Taktikexperte von Spielverlagerung.de, erklärt: „Nagelsmann war zumindest in seiner Zeit als Klub-Trainer ein Verfechter eines aggressiven Stils mit vielen aufrückenden Bewegungen am und gegen den Ball.“ Das Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Bislang ist dieser Ansatz erfolgreich. Nur die Bayern haben mehr Tore geschossen (41 zu 33).
Oktober 2021: Nagelsmann (l.) und Toppmöller beim Bayern-Training
Zettel-Trick
Gegen den Ball spielt Eintracht mannorientiert. Jeder Frankfurter hat einen Gegenspieler. Toppmöller passt die Aufteilung auch mal etwas an, besonders wenn Gegner mit einer Dreierkette spielen und sich dadurch keine natürliche Zuteilung für die gewöhnlich gespielte 4-4-2-Grundformation ergibt. So kann es sein, dass die beiden Flügelspieler auf die gegnerischen äußeren Innenverteidiger gehen und einer der beiden Stürmer etwas tiefer steht. Das war zum Beispiel beim 4:0-Sieg gegen Heidenheim der Fall. Toppmöller gab während des Spiels Götze einen Taktik-Zettel mit auf den Platz, daraufhin kam es zu eben dieser Umstellung – und prompt schoss die Eintracht den Führungstreffer.
Bei dieser mannorientierten Spielweise sollten die Zweikämpfe im besten Fall gewonnen werden. Etwas, was gegen Top-Teams nicht durchweg funktionieren kann, da diese mit ihrer individuellen Klasse mit Frankfurt mithalten können oder besser sind. Die Niederlagen in dieser Saison gab es nicht ohne Grund in Dortmund (0:2), in Leverkusen (1:2) und jüngst im Pokal bei Leipzig.
Guardiola-Strategie
Bei eigenem Ballbesitz stehen die beiden Stürmer Marmoush und Ekitiké gestaffelt zueinander. Meistens lässt sich Marmoush etwas hinter den Franzosen fallen. Ähnlich verhält es sich auf der Außenbahn: Laufen die Linksverteidiger Nathaniel Brown (21) oder Arthur Theate (24) bis zur Abseitsgrenze vor, rückt der Linksaußen – zum Beispiel Jean-Mattéo Bahoya (19) – ein paar Meter in die Mitte und meist auch ein paar zurück, um sich im Halbraum zu positionieren.
Dadurch ergeben sich diverse Anspielstationen und bessere Passwinkel, als wenn alle wie an der Schnur gezogen im 4-4-2 stehen. Das ist eine Strategie, die auch Manchester Citys Trainer Pep Guardiola (53) seit Jahren in seinen Teams umsetzt. Generell gilt: Je mehr Linien eine Formation hat, desto schwieriger ist sie zu verteidigen. Das funktioniert bei Eintracht auch deswegen so gut, weil sie sogenannte „Hybrid-Spieler“ haben. Also Spieler, die gut auf mehreren Positionen spielen können. Zum Beispiel Brown, Theate, Marmoush oder auch Götze.
Stürmer-Star filmt alles mitBayer-Boss dreht in der Kabine völlig frei!
Hattrick-Pakt
13 Liga-Tore, nur eins weniger als Harry Kane (31/Bayern). Frankfurts Marmoush ist in der Form seines Lebens. Der Ägypter trifft nicht nur, er spielt auch mit. Wettbewerbsübergreifend hat er schon insgesamt 28 Tor-Beteiligungen – in gerade einmal 21 Spielen. Marmoush ist so motiviert, dass er einen Hattrick-Pakt geschlossen hat. Bedeutet: Wenn er schon zwei Tore hat, darf er weiter auf dem Platz bleiben. Bislang gelang ihm übrigens noch keiner. „Nur“ vier Doppelpacks. Zuletzt zwei Spiele ohne Tor-Beteiligung – ein Mini-Formknick!

Marmoush ist der alles überragende Eintracht-Spieler dieser Saison. Der Ägypter traf in 13 Liga-Spielen 13-mal, legte sieben Tore vor
Gewinner-Mentalität
Mit Abwehr-Boss Robin Koch (28) und den Neuzugängen Theate (ausgeliehen inkl. Kaufoption von Stade Rennes) und Rasmus Kristensen (27/ausgeliehen von Leeds United) hat Frankfurt echte Anführer im Team. Sie halten in der Kabine die Gewinner-Mentalität aufrecht, hauen den Kollegen auch mal auf die Finger. Ebenfalls wichtig: Kapitän Kevin Trapp (34) ist nach einer schwächeren letzten Saison wieder in guter Form. Gegen Augsburg leistete er sich jedoch einen Fehler, der zum zwischenzeitlichen Rückstand führte.
Kabinen-Rituale
In der Kabine geht es vor dem Anpfiff laut zu. Musik wird gespielt, es gibt Motivations-Schreie. Hinzu kommen emotionale Trainer-Ansprachen, die sich oft auf die Fans beziehen. Und: Nach erfolgreichen Spielen freuen sich alle auf Marmoushs Sieger-Playlist (u. a. „Freed from Desire“ und „Mas que nada“).
Luxus-Bank
Die Kader-Breite ist die einer Spitzenmannschaft. Toppmöller kann in jedem Spiel rotieren. Sogar fünf, sechs Wechsel sind problemlos möglich. In Augsburg hatte Frankfurt insgesamt 52,5 Mio. auf der Bank. Augsburg zum Vergleich hätte rund 27 Mio. Euro einwechseln können. So bleiben die Stars selbst bei der hohen Belastung frisch.
Schlaf-Berater
Eintracht hat kaum Verletzte und das trotz bis zuletzt drei Wettbewerben. Das liegt auch daran, dass der Klub in den vergangenen Jahren ein höchst professionelles Umfeld geschaffen hat. Unter anderem bekommen die Spieler einen Schlaf-Berater an die Seite gestellt, der ihnen Ratschläge gibt, wie man beispielsweise die Tiefschlafphase optimieren könnte.

Der Vater des Frankfurter Erfolgs: Markus Krösche ist seit Sommer 2021 Sportvorstand bei der Eintracht, war vorher in Leipzig und Paderborn
Krösche-System
Der Transfer-Plan von Boss Markus Krösche (44) geht auf. Eintracht hat die Nachfolger für mögliche Abgänge schon intern parat. Im Tor wartet der Brasilianer Kauã Santos (21), falls Trapp sich nach Vertragsende 2026 für einen Wechsel in die USA entscheiden würde. Im Mittelfeld lauert Oscar Højlund (19) auf seine Chance und könnte von einem möglichen Sommerwechsel von Hugo Larsson (20/u. a. Arsenal und Tottenham beobachten ihn) profitieren. Und vorne kann Ekitiké noch viel besser werden, um zukünftig einen möglichen Marmoush-Abgang auszugleichen.


