
SPORT BILD: Herr Hoeneß, vom FC Bayern II über Hoffenheim in die Königsklasse mit dem VfB: Wie war es für Sie, im Auswärtsspiel bei Real Madrid erstmals die Champions-League-Hymne als Cheftrainer an der Seitenlinie zu hören?
Sebastian Hoeneß (42): Ich habe sie gar nicht gehört. Ich komme immer erst kurz vor Anpfiff raus, habe deswegen nur noch die letzten Sekunden mitbekommen. Dann bin ich zu Carlo Ancelotti gegangen, habe ihm die Hand gegeben. Insgesamt waren das auch für mich außergewöhnliche Momente in Madrid. Diese Erinnerungen werde ich nie vergessen. Da muss ich nicht cooler tun, als ich bin.
Sie selbst hätten nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr jetzt auch bei Manchester United oder dem FC Chelsea an der Seitenlinie stehen können. Beide Vereine haben angefragt, Sie haben eine Ausstiegsklausel im Vertrag. Warum sind Sie lieber geblieben?
Ich habe mitbekommen, dass es von verschiedenen Vereinen Interesse gab. Das war nach der Saison, die wir gespielt haben, nicht ganz überraschend. Aber ich hatte mich wenige Monate zuvor dazu entschlossen, in Stuttgart zu bleiben. Deswegen gab es von meiner Seite kein einziges Gespräch. Für mich war klar, dass ich beim VfB auch in dieser Saison etwas entwickeln und aufbauen möchte.
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Haben Sie diese Entscheidung schon einmal bereut?
Nein.
Was hat den Ausschlag für die Vertragsverlängerung beim VfB gegeben?
Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen um Alexander Wehrle, Fabian Wohlgemuth und Christian Gentner ist vertrauensvoll, der VfB hat ein riesiges Potenzial. Ich finde es unglaublich reizvoll, dabei mitzuhelfen, diese Potenziale auszuschöpfen. Wenn das gelingt, ist es möglich, mit dem VfB in Bereiche zu stoßen, die jahrelang in weiter Ferne waren. Wir haben letzte Saison acht Schritte auf einmal gemacht. Ich habe in meiner Zeit hier gemerkt, was in diesem Stadion mit den Leuten möglich ist. Das hat dazu geführt, dass ich meine Arbeit hier fortsetzen wollte. Daran hat sich nichts geändert. Aber natürlich geht es für mich auch darum, dass klar sein muss, dass die Voraussetzungen geschaffen werden, dass man den VfB weiterentwickeln kann.
Was bedeutet das konkret? Was muss in Stuttgart die Zielsetzung sein, damit Sie dort dauerhaft bleiben?
In Zukunft wäre es wichtig, unsere eigene Substanz – sprich: die besten Spieler – zu halten und darauf aufzubauen. Um dann kontinuierlich um die internationalen Plätze zu spielen.
Sie werden in Leverkusen als Favorit für die Nachfolge von Xabi Alonso gehandelt. Wäre ein Wechsel zum Meister reizvoll?
Ich möchte ausschließlich über den VfB sprechen und nicht den Vergleich zu einem anderen Team ziehen. Ich bin aktuell nur damit beschäftigt, wie wir die aktuelle Saison so gut wie möglich bestreiten und wie wir uns als Mannschaft entwickeln. Für alles andere kann ich nichts, an den Spekulationen werde ich mich nicht beteiligen.
Beim VfB herrscht nach wie vor riesige Begeisterung, selbst nach dem 2:3 zuletzt gegen Frankfurt wurde Ihr Team gefeiert. Haben Sie die typischen Nörgler und die überkritische Stimmung in Stuttgart vertrieben?
Die Stimmung war wirklich überragend, auch beim Stand von 0:3. Das lag sicher daran, dass die Leute im Stadion gemerkt haben, dass wir nie aufgegeben, sondern weiter richtig Gas gegeben haben. Es war ein Spiel, in dem wir sehr mutig und intensiv gespielt haben, das Ergebnis hat nicht zu unserem Auftritt gepasst. Es war außergewöhnlich, wie uns die Fans unterstützt haben.
Ist der Kredit bei den Fans so groß, dass er für die gesamte Saison reicht?
Die Menschen haben ein sehr feines Gespür dafür, aus was für einer Zeit der VfB kommt. Sie merken, ob die Mannschaft alles gibt und wie sie auftritt. Da gibt es nicht viel, was man dem Team vorwerfen kann.
Der VfB hat gegen Frankfurt den vierten Elfmeter in Folge verschossen. Werden Elfmeter in den nächsten Wochen härter trainiert?
Wir haben die Thematik schon länger und sind da auch dran. Möglicherweise müssen wir noch mehr tun. Ich glaube, dass man offensiv damit umgehen muss, indem man es trainiert und sich übers Training Sicherheit holt.
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Der VfB stellt in der aktuellen Länderspielpause elf Nationalspieler. Klingt das in Ihren Ohren immer noch wie ein Traum – und wie sehr hadern Sie als Trainer selbst mit den Länderspielpausen?
Die Nominierungen sind eine absolute Auszeichnung. Der Nebeneffekt ist natürlich, dass die Jungs nicht die Möglichkeit haben durchzuschnaufen. Aber da gibt es überhaupt kein Gejammer oder negative Gedanken.
Beim DFB musste Angelo Stiller verletzt abreisen. Sie haben ihn zuerst nach Hoffenheim, dann zum VfB geholt, nun ist er Nationalspieler. War Ihnen klar, dass er im DFB-Team auf Anhieb mithalten kann?
Ja, das hat er immer wieder gezeigt. In Hoffenheim hatte ich sofort das Gefühl, dass er ein richtig guter Bundesliga-Spieler wird. Das hat er allerspätestens beim VfB eindrucksvoll gezeigt. Wenn er gefordert wird, gibt es für ihn keine Grenzen nach oben. Auch auf höchstem Champions-League-Level.
Sind Toni-Kroos-Vergleiche bei ihm gerechtfertigt?
Bei Toni Kroos sprechen wir von einer Karriere, die größer nicht sein kann. Deswegen würde man Ange damit keinen Gefallen tun. Wenn wir aber rein das sportliche Profil betrachten, ist er nicht so weit weg. Ange hat schon jetzt gezeigt, dass er eine Mannschaft prägen und das Spiel seines Teams diktieren kann. Wenn man sich darauf bezieht, finde ich, dass Vergleiche angebracht sind.
Schon im Sommer war der FC Barcelona mit Hansi Flick an ihm interessiert. Wenn Stiller sich so weiterentwickelt, wird der VfB wohl nicht seine letzte Station sein …
Das ist eine Aussage, die man so treffen kann. Das bedeutet aber auch, dass es möglich ist, dass Angelo diese Entwicklungsschritte mit dem VfB noch eine ganze Zeit lang gemeinsam gehen wird. Er merkt, dass er hier eine zentrale Position einnimmt. Deswegen hoffe ich, dass er die nächsten Schritte hier gehen möchte.
„Der Name Goretzka wurde bei uns intern nie diskutiert“
Bald ist Winterpause. Wünschen Sie sich in der Abwehr oder im zentralen Mittelfeld Verstärkung?
Es geht hier nicht um ‚Wünsch dir was‘. Wir werden uns intern darüber austauschen und eruieren, ob wir noch jemanden brauchen. Wir werden beleuchten, wie wir bisher gespielt haben und ob wir auch aufgrund von Verletzungs-Thematiken noch einmal aktiv werden.
Was haben Sie gedacht, als Leon Goretzka mit dem VfB in Verbindung gebracht wurde?
Das war für mich völlig neu. Leon Goretzka ist ein überragender Spieler. Aber der Name wurde bei uns intern nie diskutiert.


