
„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.
Lieber Manuel Neuer,
allzu gern möchte ich wissen, welch dunkle Gedanken Dich zuletzt überfallen haben. Nach dem 1:4 in Barcelona vor allem, als Lothar Matthäus mit traurigem Unterton sagte, Neuer sei nicht mehr Neuer. Und Markus Babbel ein wenig spöttisch urteilte, es sehe aus, als ob Du in Skischuhen spielen würdest. In Anlehnung an Deinen schweren Skiunfall im Dezember 2022, seitdem Du vielleicht wirklich nicht mehr Neuer bist. Oder vielleicht nur noch zu 97 Prozent, was immer noch sehr viel wäre.
Du warst es gewohnt, weltweit bewundert zu werden für Deine himmlischen Leistungen im Tor. Nicht mal Feinde, falls Du welche hast, wagten auch nur ein Wörtchen der Kritik. Und falls Franz Beckenbauer im Himmel mit Gott über Torhüter spricht, dann wird er sagen, dass es einen gibt, der über allen anderen steht: DICH! Bis Barcelona kam mit Trainer Hansi Flick.
Manuel Neuer jubelt gegen den VfL Bochum
Wie sehr das alles in Dir nagt, war in Bochum gleich in den ersten Minuten zu sehen, zu spüren, als rausliefst wie immer, als ein Moritz Broschinski Dich überlief, Kim Min-jae den Ball in höchster Not von der Torlinie schlug – und Du Dich bei dem Südkoreaner stürmisch bedankt hast.
Lob ist Dir nicht fremd, Du geizt nicht damit. So hast Du Jamal Musial nach dem 5:0 in Bochum für das 2:0 gelobt, für sein erstes Kopfballtor in der Bundesliga. Lob allerdings für einen, der den eigenen Fehler ausbügelt, das hat ein anderes Gewicht, hat eine andere Dimension. Das ist wie ein Almosen, eine Unterwerfung. Da brodelt es in Dir drin, da machen sich Gedanken breit, ob Du wirklich nochmal die 100 Prozent bringen kannst mit 38 Jahren. Allzu gern würde ich sagen: „Du kannst es! Du schaffst das!“ Ein Restzweifel bleibt.
Ach Manuel, lass doch einfach die Zeit spielen. Mach Dich frei von Gedanken von einem Rücktritt vom Rücktritt, um vielleicht irgendwie doch noch bei der WM 2026 für Deutschland zu spielen. Wenn es so kommen sollte, wäre es eine tolle Sache für Dich. Wie 1982 für Dino Zoff, der als Torwart der Italiener mit 40 Weltmeister gegen Deutschland wurde, was bisher unerreicht ist. 3:1. Nur bezwungen von Paul Breitner.
Doch auch ohne so ein hehres Ziel wirst Du der Größte bleiben. Vor allem, wenn Du nach der Pleite von Barcelona 2025 doch noch ins Champions-League-Finale einziehst. Leider müsst Ihr das jetzt ohne den großartigen Trainer Hansi Flick schaffen. Europa hat sich schon über sein 4:1 mit Barca gegen den FC Bayern gewundert. Doch das Echo war fast noch größer nach dem 4:0 im El Clasico am Samstag im Bernabeu-Stadion gegen Real Madrid. Bewunderndes Kopfschütteln, bzw. Nicken weltweit.
Hansi Flick, der im Sommer noch auf das Okay der Bayern hoffte. Jenen Bayern, die er 2020 zum Sextuple gecoacht hatte. Ob Jupp Heynckes, oder wer auch immer ein bisschen mehr als nur Ahnung vom Fußball hat, als die reine Lehre rund um den Ball, wird sagen, dass Flick einer der Größten ist. Auch wenn er als Bundestrainer Pech hatte, da seine wahren Stärken erst in der täglichen Arbeit mit einer Mannschaft zum Tragen kommen.
Es geht um DIESEN Vorgang„Schmuddelige Tricks bei Bayern“
Wer bei Bayern zur Rechenschaft gezogen wird, falls es mit dem jungen, hochtalentierten Vincent Kompany nicht klappen sollte – da ist die Antwort ziemlich klar: Der Sportvorstand Max Eberl, der Flick nicht eingetütet hat, obwohl der nach ersten Gesprächen auf den Job in München brannte, was ich aus Telefonaten mit Flick weiß. Sicherlich haben Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, die (über-)mächtigen Aufsichtsräte die Verpflichtung des großen Trainer-Talents Kompany abgenickt, hat sich Rummenigge bei Über-Trainer Pep Guardiola (ManCity) den Segen geholt. Doch die beiden waren zu anständig, wollten Eberl mal machen lassen, ihn nicht groß bevormunden. Noch kann das ja gut gehen. Noch.
Es mag Dich trösten, lieber Manuel, dass Du aus dieser Geschichte noch als Held herausgehen kannst.

