
“Höchst chaotische Zugstrategie” Bahn bekommt endlich die ersten neuen ICE L
09.06.2025, 09:29 Uhr Artikel anhörenZu alt, zu störanfällig, zu wenige Sitzplätze: Die Fernverkehrsflotte der Deutschen Bahn soll jünger werden. Doch der Fahrgastverband Pro Bahn fürchtet, dass zu schnell zu viele Züge ausgemustert werden – und die Qualität des Bahnangebots dadurch weiter sinkt.
Die Deutsche Bahn plant, die ersten vier Züge des neuen ICE L nach Lieferschwierigkeiten in der zweiten Jahreshälfte entgegenzunehmen. Im Jahr 2026 sollen neun weitere Züge hinzukommen. Diese Auslieferung steht jedoch unter dem Vorbehalt der Zulassung des Zuges durch das Eisenbahnbundesamt, die noch aussteht.
Insgesamt hat die Bahn 79 ICE L beim spanischen Hersteller Talgo bestellt. Die ersten Züge hätten ursprünglich im vergangenen Herbst die Gleise Deutschlands befahren sollen, doch Lieferschwierigkeiten seitens Talgo führten zu Verzögerungen. Das “L” im Namen steht für “Low Floor” und verweist auf den Niederflureinstieg .
Die Bahn zielt darauf ab, die Fernverkehrsflotte durch zahlreiche neue Züge zu verjüngen. Das Durchschnittsalter der ICE- und IC-Züge soll bis 2030 von zuletzt 18 Jahren auf 12 Jahre sinken, was laut Konzern ein entscheidender Schritt für mehr Zuverlässigkeit auf der Schiene ist.
Allerdings äußert der Fahrgastverband Pro Bahn Bedenken, dass zu viele alte Züge zu schnell ausgemustert werden, wodurch das Angebot auf bestimmten Strecken leiden könnte. Bundesvorstand Lukas Iffländer warnt vor einer Abnahme des Zugangebots.
Neues Flotten-Rückgrat
Im März des vergangenen Jahres wurde der letzte von insgesamt 137 neuen ICE 4 Zügen von Siemens Mobility an die Bahn ausgeliefert. Diese Züge bieten mindestens 444 Sitzplätze und erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 265 Kilometern pro Stunde: Sie bilden somit das Rückgrat der ICE-Flotte. Die Zahl der ICE-Züge hat sich durch diese Neuzugänge von rund 270 im Jahr 2017 auf aktuell etwa 400 erhöht.
Zusätzlich wird die Auslieferung des ICE 3 Neo fortgesetzt, einer Neuauflage der bisherigen ICE-3-Baureihen. Bis 2028 sollen 90 dieser Züge in Betrieb sein. In diesem Jahr kommen 15 ICE 3 Neo hinzu, im nächsten Jahr sollen es 16 Züge sein. Diese zeichnen sich unter anderem durch frequenzdurchlässige Fenster für besseren Handyempfang aus.
Der Neo wird derzeit auf Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Nordrhein-Westfalen und München sowie auf internationalen Verbindungen zwischen Frankfurt und Amsterdam oder Brüssel genutzt.
Ersatz für Intercity 1
Die neuen ICE L Züge erinnern optisch eher an Intercity-Züge als an die klassischen ICE. “Unsere Fahrgäste können sich beim ICE L neben dem stufenlosen Einstieg auf höchsten Komfort freuen”, teilt die Bahn mit. Dazu zählen das neue ICE-Innendesign mit innovativen Sitzen, ein Tageslichtwechsel sowie Steckdosen und Tablethalter an jedem Platz.
Der ICE L wird die alten Intercity-1-Züge ersetzen und ist darauf ausgelegt, zunächst innerdeutsch eingesetzt zu werden. Diese Züge können Geschwindigkeiten von bis zu 230 Kilometern pro Stunde erreichen und bieten Platz für 562 Passagiere.
Die Strategie von DB Fernverkehr zielt klar darauf ab, die Flotte zu verjüngen und zu modernisieren, um die Betriebseffizienz zu steigern. Die Verfügbarkeit der ICE-4- und ICE-3-Neo-Züge ist laut Bahn deutlich höher als bei älteren Baureihen, und durch verbesserte Wartungskonzepte konnte der Anteil an Antriebsstörungen zwischen 2019 und 2024 um 58 Prozent gesenkt werden.
“Fahrzeugstrategie höchst chaotisch”
Trotz all dieser neuen Entwicklungen hat sich die Pünktlichkeit nicht wesentlich verbessert. Nach wie vor ist mehr als ein Drittel aller Fernzüge verspätet.
Der Fahrgastverband Pro Bahn ist von den Zahlen der Bahn ebenfalls nicht überzeugt. Iffländer bezeichnet die Fahrzeugstrategie als “höchst chaotisch” und verweist auf die rasante Ausmusterung älterer Züge. “Auf vielen Verbindungen werden wir weniger Sitzplätze haben, zumindest vorübergehend, bis die neuen Züge verfügbar sind.” Besondere Auswirkungen sind auf den Ost-West-Verbindungen zu erwarten, wo oft der zweite Zugteil fehlen wird. “Für uns als Fahrgäste bedeutet das engere Platzverhältnisse.
Bahn verkauft KISS-Züge
Im April dieses Jahres hat die Bahn konkret 14 ältere ICE 3 der Baureihe 406 aus dem Betrieb genommen. Zehn weitere ICE T-Züge sind als störanfällig bekannt und sollen bis zum Jahresende ausgemustert werden. Auch etwa drei Dutzend ICE-2-Züge, die seit 1996 im Einsatz sind, sollen bis Ende 2027 nach und nach abgezogen werden. Zudem hat die Bahn kürzlich 17 Doppelstockzüge vom Typ Intercity 2 KISS an die Österreichische Bundesbahn verkauft.
Flottenzahl wird schwanken
Die Frage bleibt, ob die weggefallenen Züge durch die teils verzögerten Neuzugänge schnell genug ersetzt werden können. Iffländer betont, dass die Folgen bereits sichtbar sind. “Der früheste Zug ab Leipzig fällt zum Fahrplanwechsel aus, da er bisher mit einem ICE T betrieben wurde, der abgestellt werden soll.” Die Bahn gibt zu, dass die Zahl der ICE-Flotte in den kommenden Jahren aufgrund der Ausmusterungen und der Zulieferungen Schwankungen unterliegen wird. Langfristig soll die Flotte dennoch auf einem vergleichbaren Niveau bleiben, mit steigender Sitzplatzkapazität.
Insgesamt zeigt sich Iffländer skeptisch, dass diese Kapazität wirklich vorhanden ist. “Zwar wächst die Sitzplatzkapazität theoretisch bis 2029, praktisch jedoch schrumpft sie aufgrund der mangelnden Flottenverfügbarkeit, da auch neuwertige Fahrzeuge oft defekt in den Werkstätten stehen.” Das deutsche Schienennetz bleibt also ein Thema, das noch viele Herausforderungen mit sich bringt.
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