
Wie Zufälle ein Leben verändern können. Als Merlin Polzin (34) vor zwölf Jahren zum Studieren nach Osnabrück ging, bewarb er sich um einen Nebenjob beim VfL Osnabrück. Der gebürtige Hamburger ging zum B-Junioren-Training der Niedersachsen und bot dem damaligen Coach Daniel Thioune (50) an, für ihn die Gegner zu scouten. Der meinte: Mach mal.
Polzin machte seine Arbeit so gut, dass Thioune ihn schnell als Co-Trainer verpflichtete. Beide betreuten später beim VfL diverse Nachwuchs-Teams, dann die 1. Mannschaft, bis Thioune 2020 zum Hamburger SV ging – und Polzin als seinen Assistenten mitnahm.
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Viereinhalb Jahre später ist Polzin selbst verantwortlich für die HSV-Profis. Und wenn er die zwei noch ausstehenden Dezember-Spiele in Ulm und gegen Fürth gewinnt, soll aus der Interims- eine Dauerlösung werden. Das ist der Plan der Klub-Verantwortlichen mit Boss Stefan Kuntz (62).
Für Polzin würde ein Traum in Erfüllung gehen. Er ist seit Kindesbeinen HSV-Fan, stand jahrelang in der Kurve im Volksparkstadion und reiste zu fast jedem Spiel im In- und Ausland mit. Dazu würde sich die Beförderung finanziell für ihn lohnen: Zurzeit kommt er auf rund 150 000 Euro Jahresgehalt (inklusive Prämien). Das würde sich mehr als verdoppeln.
Polzin kämpft um seine zweite Chance, nachdem im November Steffen Baumgart (52) gefeuert wurde. Schon im Februar 2024 hatte er als Interimscoach nach der Entlassung von Tim Walter (49) übernommen. Aber nur für ein Spiel, weil Hamburg in Rostock nur 2:2 spielte – und daraufhin Baumgart geholt wurde.
Der Auftrag an Polzin ist klar: bis Weihnachten nach dem 3:1 in Karlsruhe und dem 2:2 gegen Darmstadt noch sechs Punkte holen und nach Möglichkeit auf einem Aufstiegsrang ins Jahr 2025 starten. Damit das gelingt, hat Polzin in Absprache mit dem Co-Trainer-Team viel umgekrempelt.
Um den Team-Gedanken mehr zu fördern, gibt es an jedem Trainingstag wieder ein gemeinsames Frühstück. In der Regel findet das um 9 Uhr statt. Trainingseinheiten sind kürzer, aber viel intensiver. Ließ Baumgart rund 100 Minuten auf dem Platz üben, sind es unter Polzin nicht mehr als 80 Minuten. Polzin setzt auf mehr Spaß, das beginnt schon beim Aufwärmen. Oft sind die Einheiten spielerisch. Taktisch lässt er offensiver agieren als Baumgart, spielt in der Defensive nicht mit einer Fünfer-, sondern einer Viererkette.
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Beim HSV sind die Bosse zuversichtlich, dass Polzin es schaffen kann. Er wirkt, verglichen mit dem Beginn des Jahres, viel reifer. Er hat die Mannschaft hinter sich, die Spieler schätzen ihn vor allem wegen seiner empathischen und ehrlichen Art sowie seines taktischen Wissens. Außerdem gilt er als Fußball-Besessener: Der ehemalige Amateurspieler beim Hamburger Stadtteil-Verein Bramfelder SV nutzt freie Tage mit seiner Freundin zu Städte-Reisen, besucht dabei aber regelmäßig Fußballspiele, um neuen Input aufzusaugen.
Während seiner Profitrainer-Lizenz-Ausbildung hospitierte er in Malmö bei Henrik Rydström (48), der zuletzt als HSV-Coach im Gespräch war, und in Barcelona bei Hansi Flick (59). Die gesammelten Informationen hält er schriftlich fest, um eines Tages selbst eine erfolgreiche Trainerkarriere hinlegen zu können. Wenn Polzin weiter liefert, wäre der Start geglückt.

